Börse in Brasilien mit Kurseinbruch nach Lula-Wahlsieg
SAO PAULO (dpa-AFX) - Der Aktienmarkt in Brasilien hat am Montag mit einem Kurssturz auf die überraschende Wiederwahl des Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva reagiert. Der Leitindex Bovespa
Anders als in Umfragen gedacht hat Lula im zweiten Wahlgang ein überraschendes Comeback hingelegt und den rechten Kandidaten Flavio Bolsonaro besiegt. Letzterer war zuvor von vielen Investoren als bevorzugter Bewerber um das Präsidentenamt angesehen worden. Denn Anfang Oktober war Bolsonaro leicht favorisiert in die Stichwahl gegen Lula gegangen, was zu einem Kurssprung an den Börsen geführt hatte.
Anleger hatten gehofft, dass Bolsonaro die Staatsausgaben deutlich kürzt, um den Haushalt zu sanieren. Zudem setzten Investoren darauf, dass der rechte Kandidat mit Deregulierungen, Privatisierungen und erheblichen Steuersenkungen die Wirtschaft ankurbelt. Nun jedoch erwartet Analysten Vinicius Moreira von der US-Bank JPMorgan zum jetzigen Zeitpunkt erst einmal keine wesentlichen Abweichungen von der bisherigen Wirtschaftspolitik.
Peter Varga, Senior-Portfoliomanager bei der Erste Asset Management, kommentierte: "Die Botschaft des Marktes nach der Wahl ist eindeutig: In den nächsten vier Jahren gibt es keine Verschnaufpause, und das Land muss sich mit der Haushaltsfrage auseinandersetzen."
Seit seiner Rückkehr ins Amt im Januar 2023 hat Lula versucht, die Lebensbedingungen der arbeitenden Brasilianer zu verbessern, indem er den Konsum ankurbelte und auf einer Ausweitung staatlicher Kredite aufbaute, die während der Pandemie an Fahrt gewonnen hatte. Er hat jedoch wenig unternommen, um die explodierenden Defizite des Landes in den Griff zu bekommen, die nach Ansicht von Investoren der Grund dafür sind, dass die Nation einige der höchsten Realzinsen weltweit aufweist.
Brasiliens Haushaltsprobleme sind tiefgreifend, und die Belastungen machen sich in der gesamten Wirtschaft bemerkbar. Die Zahlungsrückstände der privaten Haushalte haben ein Rekordniveau erreicht, und Landwirte geraten in einem noch nie dagewesenen Ausmaß in Zahlungsverzug. Die Regierung selbst hat kaum Handlungsspielraum, da die Staatsverschuldung bei über 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt und der Haushalt größtenteils durch zwingende Ausgaben gebunden ist.
Auch Investment Director Viktor Szabo vom Vermögensverwalter Aberdeen Investments ist der Auffassung, dass die Zahlen Lula kaum einen Spielraum lassen. Zudem werde der linke Politiker mit einem Kongress regieren müssen, der von seinen politischen Gegnern dominiert wird. Bolsonaros Liberale Partei stelle in der Abgeordnetenkammer die größte Einzelfraktion seit Inkrafttreten der Verfassung von 1988 und verfüge über fast doppelt so viele Abgeordnete wie Lulas Arbeiterpartei. Auch im Senat sei sie stärkste Kraft. Dort sei bereits einer von Lulas Kandidaten für das Oberste Gericht abgelehnt worden. Zudem dürften sich die zentristischen Parteien des "Centrao" ihre Unterstützung für Lula teuer bezahlen lassen.
Für Anleger ist das Szabo zufolge Fluch und Segen zugleich: "Ein feindseliger Kongress könnte besonders kostspielige Wahlversprechen ausbremsen, etwa den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, der eine Verfassungsänderung voraussetzt. Ebenso gut könnte er jedoch Maßnahmen zur Steigerung der Staatseinnahmen und Strukturreformen blockieren oder im Gegenzug für Zustimmung teure Zugeständnisse verlangen."/la/he