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Die Gewinner- und Verlierer-Aktien durch die neuen KI-Spielregeln an der US-Börse, laut Barclays

Strategien Jürgen Research 137 Leser

Künstliche Intelligenz schlägt in den USA bereits auf die Ergebnisse durch. Eine Barclays-Studie zeigt Chancen und Risiken bei Einzelaktien und Branchen sowie wachsende Unterschiede zwischen den Unternehmen.

Die Diskussion um Künstliche Intelligenz (KI) an den Börsen ist in den USA einen entscheidenden Schritt weiter als noch vor einem Jahr. Während lange Zeit Erwartungen und Zukunftsszenarien im Vordergrund standen, zeigt sich inzwischen immer deutlicher, wie stark die Technologie bereits in die wirtschaftliche Realität hineinwirkt. Eine umfassende Analyse von Barclays macht klar: Der KI-Boom ist greifbar – aber er verläuft alles andere als gleichmäßig.

Für Anleger ergibt sich daraus eine neue Ausgangslage. Nicht mehr die Frage, welche Branchen profitieren könnten, steht im Mittelpunkt, sondern welche Unternehmen konkret in der Lage sind, KI erfolgreich zu nutzen. Die Unterschiede innerhalb der Sektoren nehmen zu – und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.

KI wirkt – aber anders als viele erwartet haben


Ein zentrales Ergebnis der Barclays-Umfrage unter US-Analysten ist zunächst beruhigend: Die Angst vor einer kurzfristigen, flächendeckenden Disruption ganzer Branchen ist begrenzt. Kein Analystenteam erwartet in den kommenden ein bis zwei Jahren eine massive Verdrängung bestehender Geschäftsmodelle. Nur wenige sehen überhaupt ein moderates Risiko.

Gleichzeitig wird KI aber klar als Chance wahrgenommen. Mehr als 50% der Analysten gehen davon aus, dass die Technologie in den nächsten ein bis zwei Jahren spürbare Vorteile bringt – sei es durch zusätzliche Umsätze, Kostensenkungen oder Produktverbesserungen. Bemerkenswert ist zudem, dass rund 20% der Teams KI-Disruption sogar als netto positiv einschätzen.

Diese Kombination aus begrenzten Risiken und gleichzeitig breiten Chancen macht die aktuelle Phase so besonders. Sie erklärt auch, warum sich der Markt stärker differenziert: KI ist kein Schock, sondern ein schrittweiser, aber tiefgreifender Veränderungsprozess.

Der KI-Effekt ist längst in den Zahlen angekommen


Während die Risiken kurzfristig überschaubar bleiben, zeigen sich die positiven Effekte bereits deutlich. Laut Barclays sehen rund 43% der US-Analystenteams schon heute einen spürbaren Einfluss von KI auf die Gewinne der Unternehmen. Weitere 17% erwarten diesen Effekt innerhalb eines Jahres.

Zeitlicher Verlauf der Auswirkungen auf das Ergebnis – Einschätzungen von US-Analysten


Schaubild zeitlicher Verlauf der Auswirkungen auf das Ergebnis – Einschätzungen von US-Analysten

Hier wird der Vorsprung der USA besonders sichtbar. KI ist nicht nur ein Investitionsthema, sondern zunehmend ein Ertragsfaktor. Vor allem im Bereich der Infrastruktur – also Halbleiter, Rechenzentren und Netzwerke – entstehen bereits heute konkrete Umsätze.

Doch auch darüber hinaus nimmt die operative Nutzung zu. Unternehmen setzen KI ein, um Prozesse effizienter zu gestalten, Kosten zu senken oder neue Produkte zu entwickeln. Dadurch verlagert sich der Fokus von der reinen Technologie hin zur praktischen Anwendung im Geschäftsalltag.

Gewinner und Verlierer – entscheidend ist die Umsetzung


Die vielleicht wichtigste Aussage der Studie liegt in der zunehmenden Spreizung zwischen einzelnen Unternehmen. Barclays zeigt, dass sich die Effekte von KI stark unterscheiden – selbst innerhalb derselben Branche.

Darstellung US Unternehmen mit unmittelbaren KI Vorteilen

Quelle: Barclays Research

Darstellung langfristige Marktführer durch KI Integration

Quelle: Barclays Research

Die Übersicht macht deutlich, dass sich die Gewinner nicht auf den Technologiesektor beschränken. Neben klassischen KI-Profiteuren wie Nvidia oder Oracle finden sich auch Unternehmen aus Industrie, Energie, Konsum und Gesundheitswesen auf der Gewinnerseite.

Entscheidend sind dabei weniger die Branchenzugehörigkeit als vielmehr konkrete Stärken: Zugang zu Daten, technologische Kompetenz, finanzielle Ressourcen und die Fähigkeit, KI schnell in bestehende Prozesse zu integrieren.

Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, deren Geschäftsmodelle stärker unter Druck geraten könnten. Besonders betroffen sind Bereiche, in denen Automatisierung oder neue digitale Angebote bestehende Strukturen ersetzen können. Auch hier zeigt sich: Die Unterschiede verlaufen quer durch die Sektoren.

Branchen im Vergleich – ein uneinheitliches Bild


Ein Blick auf die sektorale Analyse zeigt, wie unterschiedlich sich KI auswirkt – sowohl in Bezug auf Nutzen als auch auf Risiken und Timing.

Darstellung vollständige KI-Sektor-Heatmap

Darstellung vollständige KI-Sektor-Heatmap 2

Technologiebereiche wie Internet, Software und Halbleiter weisen bereits heute klare Effekte auf. Auch Industrie, Energie und Teile des Finanzsektors profitieren zunehmend. In anderen Bereichen, etwa im Konsum oder in einzelnen Dienstleistungssegmenten, entfalten sich die Effekte langsamer.

Auffällig ist die große Bandbreite beim zeitlichen Horizont. Während einige Branchen bereits heute profitieren, ist bei anderen erst in zwei bis drei Jahren oder noch später mit spürbaren Auswirkungen zu rechnen. Für Anleger bedeutet das: Timing wird zu einem zentralen Faktor.

Hürden auf dem Weg – warum KI nicht überall gleich schnell wirkt


Trotz der sichtbaren Fortschritte bleibt die Umsetzung von KI mit Herausforderungen verbunden. Laut Barclays ist die technologische Reife der wichtigste Engpass. Viele Unternehmen stehen vor der Aufgabe, bestehende Systeme anzupassen und neue Technologien sinnvoll zu integrieren.

Hinzu kommen weitere Faktoren wie Unternehmenskultur, Unsicherheit über den konkreten wirtschaftlichen Nutzen, regulatorische Vorgaben sowie Probleme bei der Verfügbarkeit und Integration von Daten. Diese Hürden bremsen die Entwicklung – sorgen aber gleichzeitig dafür, dass sich Unterschiede zwischen Unternehmen weiter verstärken.

Mehr als Technologie – die zweite Runde der KI-Effekte


Über die direkten Effekte hinaus rücken zunehmend indirekte Veränderungen in den Fokus. KI beeinflusst nicht nur einzelne Prozesse, sondern verändert ganze Wertschöpfungsketten, Arbeitsmärkte und Nachfrageverhalten.

Barclays spricht in diesem Zusammenhang von Zweitrundeneffekten. Diese sind schwerer zu messen, dürften aber langfristig entscheidend dafür sein, wie sich Branchen entwickeln und welche Geschäftsmodelle bestehen bleiben.

KI macht den Markt anspruchsvoller


Die Analyse von Barclays zeigt ein klares Bild: In den USA ist Künstliche Intelligenz längst ein realer Wirtschaftsfaktor. Gleichzeitig nimmt die Komplexität für Anleger zu.

Breite Strategien stoßen an ihre Grenzen. Stattdessen wird es wichtiger, die Unterschiede zwischen einzelnen Unternehmen genau zu verstehen. Faktoren wie Umsetzungsgeschwindigkeit, Datenzugang und technologische Kompetenz rücken in den Mittelpunkt.

Für Anleger bedeutet das eine neue Disziplin: Wer die richtigen Unternehmen identifiziert, kann vom KI-Boom profitieren. Wer zu breit streut, läuft Gefahr, die entscheidenden Unterschiede zu übersehen.

Warum US-Aktien im KI-Zeitalter strukturell im Vorteil bleiben


Über die Einzeltitelauswahl hinaus liefert die Barclays-Analyse auch eine strategische Einordnung, die für Anleger kaum weniger relevant ist. Mit dem Übergang von der Experimentierphase zur breiten Anwendung verändert sich das Marktumfeld grundlegend. Die Phase, in der der KI-Trend nahezu alle Aktien gleichermaßen nach oben getragen hat, geht zu Ende. An ihre Stelle tritt ein Umfeld, das deutlich stärker von Selektion geprägt ist – zwischen Regionen, Branchen und einzelnen Unternehmen.

Gerade vor diesem Hintergrund sehen die Analysten weiterhin strukturelle Vorteile für den US-Aktienmarkt. Die vergangenen Jahre geben dieser Einschätzung zunächst recht: Seit der breiten Verfügbarkeit von KI-Anwendungen Ende 2022 hat der S&P 500 eine Gesamtrendite von rund 76% erzielt und damit internationale Märkte klar übertroffen. Ein wesentlicher Treiber war dabei der Technologiesektor, dessen Beitrag zu den Gewinnen im Index deutlich gestiegen ist.

Barclays begründet die anhaltende Attraktivität von US-Aktien mit drei zentralen Faktoren. Erstens verfügen die USA über strukturelle Vorteile entlang der gesamten KI-Wertschöpfung – von der Entwicklung über die Nachfrage bis hin zur Monetarisierung. Zweitens wirkt KI als langfristiger Wachstumstreiber, dessen Erträge in besonderem Maße bei Eigenkapitalinvestoren ankommen. Drittens haben sich die Bewertungen zuletzt etwas entspannt, obwohl die Gewinnerwartungen weiter steigen – ein Umfeld, das als Einstiegspunkt interpretiert werden kann.

Ein entscheidender Punkt ist dabei die Rolle der großen Technologieplattformen. Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Alphabet, Oracle und Meta investieren derzeit massiv in den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur. Diese hohen Investitionen belasten kurzfristig die freien Cashflows, sichern aber gleichzeitig die Kontrolle über zentrale Wertschöpfungsstufen – von der Rechenleistung bis zur Vermarktung von KI-Diensten. Für langfristig orientierte Anleger entsteht daraus ein Spannungsfeld aus kurzfristigem Margendruck und langfristigem Ertragspotenzial.

In den zehn Jahren bis 2024 liegen die USA bei den privaten KI-Investitionen vor anderen Regionen


Darstellung der letzten 10 Jahre bis 2024 private KI-Investitionen

Quellen: Stanford 2025 AI Index Report

Hinzu kommt, dass sich die Nutzung von KI rasant ausweitet. Anwendungen beschränken sich längst nicht mehr auf Softwareentwicklung, sondern durchdringen zunehmend Bereiche wie Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen oder Industrieprozesse. Mit dem Übergang zu autonomeren Systemen dürfte dieser Trend weiter an Dynamik gewinnen. Das spricht dafür, dass der adressierbare Markt nicht nur wächst, sondern sich strukturell erweitert.

Im globalen Vergleich bleibt die Position der USA dabei schwer einzuholen. Während andere Regionen – insbesondere China – technologisch aufholen, unterscheiden sich die Geschäftsmodelle deutlich. In den USA dominiert ein stärker unternehmensgetriebener Einsatz von KI mit höherer Zahlungsbereitschaft und klarer Monetarisierung. In anderen Märkten steht häufig die breite Nutzung im Vordergrund, was die direkte Ertragskraft begrenzt.

Für Anleger bedeutet das: Auch wenn nicht jedes einzelne Unternehmen vom KI-Trend profitieren wird, bleibt der US-Markt insgesamt der zentrale Ort, an dem sich die wirtschaftlichen Effekte dieser Entwicklung niederschlagen. Die Herausforderung liegt weniger in der grundsätzlichen Allokation als vielmehr in der Auswahl der richtigen Titel innerhalb dieses Universums.


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