KI mit Lichtgeschwindigkeit: 4 Europa-Aktien für den Boom bei optischen Netzwerken
Der KI-Boom treibt nicht nur Chips und Rechenleistung – sondern zunehmend auch eine unscheinbare Schlüsseltechnologie: optische Datenverbindungen. Morgan Stanley sieht hier einen mehrjährigen Wachstumstrend und nennt vier europäische Profiteure, die Anleger kennen sollten.
Der KI-Boom tritt in eine neue Phase ein. Nachdem jahrelang vor allem die Rechenleistung im Mittelpunkt stand, rückt nun ein anderer Engpass in den Fokus: die Geschwindigkeit, mit der Daten zwischen Prozessoren, Speichern und Rechenzentren bewegt werden können. Genau hier sehen die Analysten von Morgan Stanley einen strukturellen Wendepunkt – und überraschend starke Chancen für europäische Technologiewerte.
Der Grund: Während US-Konzerne die KI-Chips dominieren und asiatische Anbieter bei Modulen stark sind, verfügen europäische Unternehmen über wichtige Schlüsselpositionen bei Materialien, Packaging-Technologien und Netzwerkinfrastruktur. Diese oft übersehenen Bereiche könnten sich im nächsten Investitionszyklus als entscheidende Werttreiber erweisen.
Vom Rechenproblem zum Transportproblem der KI
Mit dem Siegeszug generativer und zunehmend autonom handelnder KI-Systeme explodiert nicht nur der Bedarf an Rechenleistung, sondern auch der Datenverkehr innerhalb der Infrastruktur. Morgan Stanley verweist darauf, dass die Auslastung großer GPU-Cluster häufig nur bei etwa 60% bis 70% liegt – nicht wegen mangelnder Rechenleistung, sondern wegen ineffizienter Datenbewegung.
Damit verschiebt sich der Engpass in der KI-Architektur: weg vom Compute-Bottleneck hin zur Konnektivität. Die logische Konsequenz ist eine massive Aufrüstung der Netzwerktechnologie in Rechenzentren.
Parallel dazu steigen die Investitionen weiter massiv an. Für 2026 erwarten die Analysten Cloud-Investitionen von rund 735 Mrd. USD, nachdem bereits zuvor mehrere Jahre mit Wachstumsraten von über 60 % verzeichnet wurden. Alle großen Hyperscaler investieren jeweils weit über 100 Mrd. USD jährlich.
Warum Kupfer an physikalische Grenzen stößt
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist ein physikalisches Problem: klassische Kupferverbindungen stoßen bei steigenden Bandbreiten an ihre Grenzen.
Passive Kupferkabel erreichen bei sehr hohen Datenraten nur noch wenige Meter Reichweite, während aktive Kabel zwar etwas weiter reichen, aber deutlich mehr Energie verbrauchen. Gleichzeitig verschlechtern dicke Kabelstränge die Kühlung der Serverracks. In der Branche wird dieses Problem bereits als „Copper Wall“ bezeichnet.
Optische Verbindungen bieten hier entscheidende Vorteile: Sie ermöglichen Datenübertragung über deutlich größere Distanzen mit geringeren Verlusten und besserer Energieeffizienz. Deshalb wächst der Markt für optische Transceiver laut Morgan Stanley von rund 18 Mrd. USD im Jahr 2025 auf etwa 50 Mrd. USD bis 2028.
Für Europa prognostizieren die Analysten sogar ein jährliches Wachstum des adressierbaren Marktes von rund 40% bis 2028.
Europas unterschätzte Rolle in der KI-Infrastruktur
Obwohl europäische Unternehmen selten als erste Profiteure des KI-Booms genannt werden, sieht Morgan Stanley hier eine strukturelle Fehleinschätzung des Marktes.
Der Kontinent sei vor allem in vorgelagerten Bereichen der Wertschöpfungskette stark positioniert – etwa bei Spezialmaterialien für Photonik-Chips, bei Halbleiter-Packaging oder bei optischen Langstreckennetzwerken zwischen Rechenzentren.
Noch sei der direkte Umsatzanteil dieser Aktivitäten relativ klein. Mit zunehmender Verbreitung optischer Technologien könnten diese Bereiche jedoch zu wichtigen Wachstumstreibern werden. Genau hier sehen die Analysten die Chance für Neubewertungen an der Börse.
Vor diesem Hintergrund nennt Morgan Stanley vier besonders interessante Aktien, über die sich Investoren gezielt in diesem Trend positionieren könnten.
Das direkte Engagement ist heute, gemessen am Umsatzanteil, noch relativ gering, kann aber durch starkes Wachstum zu einem bedeutenderen Treiber für Unternehmen wie das Favoriten-Quartett werden, während die Akzeptanz skaliert. Das heißt, die mit dem besprochenen Thema verbundene Chance dürfte im Laufe der Zeit sichtbarer werden.
In diesem Sinne geht es laut Morgan Stanley weniger um einen kurzfristigen Produktzyklus als vielmehr um einen umfassenderen architektonischen Wandel, der mit der nächsten Phase der KI-Investitionen verknüpft ist. Die Grafik zeigt, wie die Optik für die von dem US-Institut analysierten Unternehmen zu einem wesentlichen Umsatzbestandteil werden wird.
Engagement, Wachstum und Beitrag der optischen KI-Kommunikation pro Unternehmen

Quellen: Company data, Morgan Stanley Research estimates (e)
Die Chance im Bereich Optik treibt einen wesentlichen Teil des Umsatzwachstums voran, das die Morgan Stanley-Analysten für den Zeitraum 2025–28 für alle in diesem Bericht abgedeckten Unternehmen prognostizieren, wobei die Spanne von mindestens 40 % bis weit über 100 % reicht. Insbesondere im Fall von Soitec ergibt sich ein zusätzlicher Rückenwind durch eine positive Verschiebung im Produktmix, was zu einer bedeutenderen Auswirkung auf die Bruttomarge führt.
Umsatzwachstum im Bereich Optik Geschäftsjahr 2025 – 2028e

Quellen: Firmendaten; Morgan Stanley Research estimates (e)
Die Schätzungen von Morgan Stanley liegen für alle in der zitierten Studie behandelten Unternehmen über den Erwartungen des Marktes (Street), wobei der Großteil (wenn nicht sogar das gesamte) Aufwärtspotenzial durch das Verständnis der Chancen im Optik-Bereich getrieben wird. Dies zeigt sich am deutlichsten bei Soitec, was teilweise deren größere Kostenbasis widerspiegelt.
Morgan Stanley liegt bei allen Unternehmen mit Bezug zum Optik-Thema über den Erwartungen des Marktes

Soitec: Geschäftsjahr 2029 (Ende März 2028) EBITDA; Quellen: Visible Alpha, Morgan Stanley Research
Morgan Stanley bevorzugt letztlich Unternehmen, die in den Bereichen Silizium-Photonik, Packaging und dem breiteren Netzwerkausbau engagiert sind. Dies bringt das US-Institut durch Empfehlungen zugunsten von Nokia, Soitec, STMicroelectronics und Besi zum Ausdruck, die man als die attraktivsten börsennotierten Möglichkeiten ansieht, um am europäischen Markt für optische Technologien teilzuhaben.
Weitere Details zu den vier Morgan-Stanley-Favoriten
Nokia (ISIN: FI0009000681 – Kurs am 05.04.26, 7,35 Euro) – Der unterschätzte KI-Netzwerk-Profiteur
Nokia gehört laut Morgan Stanley zu den interessantesten Möglichkeiten, um auf den Ausbau optischer KI-Netzwerke zu setzen. Die Aktie bleibt ein Top Pick mit einem Kursziel von 8,50 Euro (Differenz von 15,6 % zum aktuellen Kurs).
Ein entscheidender Unterschied zu Wettbewerbern liegt dabei in der vertikalen Integration. Nokia verfügt über eigene Fertigungs- und Packaging-Kapazitäten in den USA und hat diese strategisch ausgebaut – bereits bevor Anfang 2025 Infinera übernommen wurde.
Zusätzlich arbeitet das Unternehmen am Aufbau einer zweiten Fabrik in San Jose, die bis 2027 die Produktionskapazitäten deutlich erhöhen soll. Die Investitionen bewegen sich dabei laut Unternehmen im Bereich von einigen hundert Mio. USD und nicht in der Größenordnung klassischer Halbleiter-Megafabs.
Ein weiterer Pluspunkt ist staatliche Unterstützung durch Programme wie den US Chips Act. Noch wichtiger für Anleger dürfte jedoch der strategische Umbau des Geschäfts sein. Während KI- und Cloud-Umsätze 2025 erst rund 6 % der Erlöse ausmachen, erwartet Morgan Stanley bis zum Ende des Jahrzehnts einen Anstieg auf über 25 %. Diese Transformation könnte Nokia schrittweise von einem klassischen Telekomzulieferer zu einem Infrastrukturplayer für KI-Rechenzentren machen.
Auch operativ sehen die Analysten Potenzial. So könnte das Wachstum im Optical- und IP-Segment eher bei etwa 13 % liegen statt der vom Unternehmen in Aussicht gestellten 10 % bis 12 %, wobei optische Netzwerke sogar um mehr als 20 % wachsen könnten. Zusätzliche Impulse könnten durch neue Partnerschaften mit Hyperscalern entstehen, wo Nokia bislang noch unterrepräsentiert ist.

Quelle: Wachstums-Check TraderFox
Soitec (ISIN: FR0013227113 – Kurs am 05.04.26, 50,00 Euro) – Der Materiallieferant der Photonik-Revolution
Während Nokia eher am Ende der Wertschöpfungskette positioniert ist, spielt Soitec eine Schlüsselrolle am Anfang. Denn jedes Photonic Integrated Circuit beginnt mit einem speziellen Silicon-on-Insulator-Wafer – und hier ist Soitec praktisch der einzige Anbieter in der Massenproduktion. Damit liefert das Unternehmen gewissermaßen die „Schaufeln im Goldrausch“ der Photonik.
Die spezielle Photonics-SOI-Technologie ermöglicht präzise Kontrolle über Materialeigenschaften, die direkt beeinflussen, wie Lichtsignale durch Chips geleitet werden – ein entscheidender Faktor für Leistungsfähigkeit und Effizienz.
Morgan Stanley erwartet, dass insbesondere die steigende Nachfrage nach Silicon-Photonics-Modulen sowie neuen Architekturkonzepten wie Co-Packaged Optics die Umsätze deutlich antreiben wird.
Prognosen zeigen einen Anstieg der Photonics-SOI-Umsätze von rund 71 Mio. Euro auf etwa 381 Mio. Euro bis 2030. Das entspricht nicht nur starkem Wachstum, sondern auch einem verbesserten Margenmix, da diese Produkte tendenziell höhere Profitabilität aufweisen.
Die Analysten haben Soitec deshalb auf Overweight hochgestuft und sehen ein Kursziel von 70 Euro, was 40 % Kurspotenzial entspricht.

Quelle: Wachstums-Check TraderFox
STMicroelectronics (ISIN: NL0000226223 – Kurs am 05.04.26, 29,08 Euro) – Photonische Integration als neuer Wachstumsmotor
STMicroelectronics ist ein weiterer Profiteur des Trends zur optischen Datenübertragung. Im Mittelpunkt steht hier die PIC100-Plattform, die als Grundlage für photonische Integration dient und dem Unternehmen Zugang zum schnell wachsenden Markt für optische Datenverbindungen verschaffen soll.
Morgan Stanley erwartet hier besonders dynamisches Wachstum. Die Umsätze mit PIC- und EIC-Komponenten könnten zwischen 2026 und 2028 mit einer jährlichen Rate von rund 115% wachsen.
Technologisch profitiert STMicroelectronics von der Nutzung moderner 300-mm-Wafer, die gegenüber älteren 200-mm-Standards deutliche Vorteile bei Skalierung und Kosten bieten. Dazu kommen höhere Chipausbeuten, bessere Prozesskontrolle und geringere Kosten pro Funktion – alles Faktoren, die für Hyperscaler entscheidend sind.
Auch zyklische Faktoren könnten helfen. Neben dem strukturellen Wachstum durch KI sehen die Analysten erste Anzeichen einer konjunkturellen Erholung, die zusätzlich für Rückenwind sorgen könnte. Das Kursziel liegt bei 36 Euro, was knapp 24 % Kurs-Luft nach oben entspricht.

Quelle: Wachstums-Check TraderFox
BE Semiconductor (ISIN: NL0012866412 – Kurs am 05.04.26, 190,15 Euro) – Der Packaging-Spezialist als versteckter Optik-Gewinner
BE Semiconductor Industries ist für viele Investoren vor allem ein klassischer Halbleiter-Ausrüster. Doch Morgan Stanley sieht hier einen weniger offensichtlichen KI-Hebel. Denn mit steigender Integration optischer Komponenten gewinnt auch das Packaging an Bedeutung – ein Bereich, in dem Besi stark positioniert ist.
Technologien wie Hybrid Bonding und passive Alignment könnten zu wichtigen Wachstumstreibern werden, da sie für die präzise Integration photonischer Komponenten notwendig sind. Gerade weil dieser Zusammenhang am Markt noch wenig beachtet wird, sehen die Analysten hier weiteres Überraschungspotenzial.
Das Kursziel wurde auf 200 Euro angehoben, was zwar nur gut 5 % Aufwärtspotenzial bietet, zusätzliche Chancen könnten sich aber bei stärkerer Branchendynamik ergeben. Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass sich um diesen Wert derzeit Übernahmegerüchte ranken.
![]()
Quelle: Wachstums-Check TraderFox
Einordnung aus Anlegersicht
Die Studie von Morgan Stanley liefert vor allem eine interessante Perspektivverschiebung. Während der KI-Boom bisher stark über Chipdesigner interpretiert wurde, lenkt die Analyse den Blick auf die physische Infrastruktur hinter der KI-Revolution.
Gerade diese zweite Reihe der Wertschöpfungskette könnte langfristig stabile Wachstumsraten liefern, da ohne leistungsfähige Datenverbindungen selbst die schnellsten KI-Prozessoren ihr Potenzial nicht entfalten können.
Die vier genannten Aktien erscheinen in dieser Logik weniger als kurzfristige KI-Momentum-Trades, sondern eher als strukturelle Profiteure eines mehrjährigen Infrastrukturzyklus.
Für Anleger entsteht daraus vor allem eine Erkenntnis: Wer den KI-Boom vollständig verstehen will, sollte nicht nur auf Rechenleistung schauen – sondern auch auf die Datenautobahnen der künstlichen Intelligenz. Und genau dort könnten einige europäische Unternehmen deutlich besser positioniert sein, als es ihre aktuelle Bewertung vermuten lässt.
Bildherkunft: AdobeStock_1946608258