Energie wird zum eigentlichen Engpass des KI-Booms
Liebe Börsianer,
die vergangenen Wochen lieferten einen klaren Hinweis darauf, wohin sich der Schwerpunkt der KI-Ära verschiebt. NVIDIA-Chef Jensen Huang bezeichnet den Energielayer, also die Stromversorgung für Rechenzentren, als den entscheidenden Faktor der kommenden Jahre. Bloom-Energy-Gründer KR Sridhar beschrieb in einem Interview eine doppelte Beschleunigung: Auf die bereits steile Digitalisierungskurve der vergangenen Jahrzehnte legt sich jetzt zusätzlich die industrielle Herstellung von Intelligenz. OpenAI-Chef Sam Altman erwartet dadurch mittelfristig eine Kostendegression, das heißt, Rechenleistung und Wissen werden über die Zeit spürbar günstiger. Aktuell bremsen jedoch noch Kapazitätsgrenzen diese Entwicklung, Rückschläge bleiben laut Sridhar entlang des langfristigen Trends jederzeit möglich.
Konkret zeigt sich der Engpass bei Oracle, das seine Rechenzentrumskapazitäten bis Jahresende deutlich schneller ausbaut als ursprünglich geplant, weil Auftragseingänge die vorhandene Infrastruktur übersteigen. Analysten von Bank of America ordnen den jüngsten Rückgang bei Chip-Aktien deshalb nicht als Trendbruch ein, sondern als saisonale Konsolidierung, also eine vorübergehende Verschnaufpause nach einer starken Rally. Die Ausgaben der großen Techkonzerne für KI-Infrastruktur sollen im kommenden Jahr nochmals um 40 bis 50 % gegenüber dem laufenden Jahr steigen. Der Anteil von Speicherchips an diesen Investitionen liegt inzwischen bei 30 bis 40 %, mehr als doppelt so hoch wie historisch üblich.
Wie schnell dieser Optimismus in Bewertungsexzesse umschlagen kann, zeigt Bloom Energy: Das Unternehmen liefert dezentrale Kraftwerkslösungen für Rechenzentren, erzielte 2025 einen Umsatz von rund 2 Mrd. USD, wird an der Börse aber mit rund 75 Mrd. USD bewertet. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis, also der Börsenwert im Verhältnis zum Jahresumsatz, kletterte binnen zwölf Monaten von 4 auf in der Spitze über 40. Eine solche Verzehnfachung der Bewertung erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen deutlichen Rückschlag, ähnlich den Übertreibungen während der Dotcom-Blase Ende der Neunzigerjahre.
Ein vergleichbares Muster zeigt sich abseits der KI-Branche im Verteidigungssektor. Der jüngste NATO-Gipfel bestätigte steigende Rüstungsausgaben für die kommenden Jahre und Jahrzehnte, doch die Produktionskapazitäten der Rüstungskonzerne hinken der politisch gewollten Nachfrage weiter hinterher. Kapital fließt deshalb zunehmend in Übernahmen, die genau diese Engpässe adressieren: Lockheed Martin kauft für 3,5 Mrd. USD in bar eine Sparte für Anti-U-Boot-Systeme hinzu. Im Weltraum-Sektor übernimmt Rocket Lab Iridium Communications für 8 Mrd. USD Unternehmenswert, und der deutsche Drohnenhersteller Quantum Systems sammelt frisches Kapital bei einer Bewertung von rund 8 Mrd. USD ein.
Beide Trends bleiben über Jahre strukturell intakt, einzelne Bewertungen wie bei Bloom Energy oder Quantum Systems zeigen aber bereits eine gewisse Tendenz zur Übertreibung, die bei einem schwächeren Sommer schnell sichtbar werden kann. Mit dem Beginn der Berichtssaison liefern die Unternehmen in Kürze die ersten belastbaren Zahlen zu beiden Trends.
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Stephan Bank!
Bildherkunft: www.traderfox.com