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Was sagen die psychologischen Indikatoren zur aktuellen Lage am US-Aktienmarkt?

Strategien Marius Müllerhoff 766 Leser

Was sagen die psychologischen Indikatoren zur aktuellen Lage am US-Aktienmarkt?


Neben der fundamentalen Analyse und der Charttechnik macht es auch Sinn, unter die Oberfläche zu schauen und einen Blick auf psychologische Indikatoren zu werfen. Diese Art der Indikatoren bringt das Sentiment des Marktes zum Ausdruck, d. h. sind die Marktteilnehmer bullisch, neutral oder bärisch eingestellt. Schauen wir uns einiger dieser Indikatoren bezogen auf die US-Märkte genauer an, um ein besseres Gefühl für die aktuelle Stimmungslage am Markt zu erhalten. Natürlich geben die Indikatoren keine definitive Aussage darüber, ob der Markt ein Tief gefunden hat. Sie geben aber eine gute Tendenz.

 

Fear and greed Index


Der sogenannte „Fear and Greed Index“ (Angst und Gier Index), der von CNN Business erhoben wird, ist vermutlich einer der bekanntesten. Er rangiert zwischen den Werten 0 und 100, wobei 0 für extreme Angst steht und 100 für extreme Gier. Dieser Indikator wird aus sieben Sub-Indikatoren ermittelt. Hierunter fallen u. a. neue 52 Wochenhochs vs neue 52 Wochentiefs, Marktvolatilität und Put/Call Ratio. Auf die beiden zuletzt genannten werde ich als separate Indikatoren weiter unten näher eingehen.

Quelle: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed

Per 13.05.2022 steht der Indikator bei 11 und damit im Bereich „extreme Angst“. Das 52 Wochentief lag bei einem Wert von 6, welches am 11.05.2022 gemacht wurde. Während der Corona-Tiefs Mitte März 2020 stand er auf einem ähnlichen tiefen Niveau. Folglich sehen wir aktuell ein hohes Niveau an Angst.

Marktvolatilität (VIX)


Ein Sub-Indikator des Fear and Greed Index ist die Marktvolatilität bzw. der Vix. Die Berechnung des VIX ist komplex. Daher soll an dieser Stelle lediglich gesagt sein, dass der VIX anhand einer Formel ermittelt wird, mit der die erwartete Volatilität berechnet wird, indem der Durchschnitt der gewichteten Preise von Out-of-the-money-Puts und -Calls für den S&P 500 in Echtzeit gebildet wird. Die nachstehende Graphik zeigt den Verlauf des VIX der vergangenen drei Jahren. Werte über 40 stehen für hohe Volatilität und damit für viel Pessimismus im Markt.

Quelle: https://bigcharts..com

Während des Tiefs der Corona-Krise Mitte März schoss der VIX bis auf über 80 hoch. Das war sehr beachtlich. Kurz vor der US-Wahl im November 2020 stieg er auf knapp über 40. Am Tag des Einmarsches von Russland in die Ukraine stieg er „lediglich“ auf 38. Aktuell steht der Indikator „nur“ bei 29. Folglich sehen wir bei diesem Indikator noch keine „extreme Angst“. Weitere Druck nach unten wäre also nicht überraschend.

Put/Call Ratio


Der Put/Call-Ratio ist ein weiterer psychologischer Indikator, der auch als Sub-Indikatoren für den Fear and Greed dient. Es ist ein konträrer Stimmungsindikator, der dabei hilft, größere und kurzfristige Markttiefs zu bestimmen. Er wird berechnet, indem die Anzahl der gehandelten Put-Optionen durch die Anzahl der gehandelten Call-Optionen dividiert wird. Man sagt, dass in einem Bullenmarkt dieses Verhältnis meistens einen Wert von unter 0,7 aufweist. Die Begründung dafür liegt darin, dass Investoren zuversichtlich sind und somit eher auf der Call-Seite aktiv sind. In einem Bärenmarkt weist das Verhältnis meistens eine Zahl von über 0,7 auf, weil das gehandelte Volumen auf der Put-Seite größer ist. Denn Investoren kaufen Versicherung, um sich nach unten abzusichern.

Quelle: https://ycharts.com/indicators/cboe_equity_put_call_ratio

Mitte März 2020 belief sich dieses Verhältnis auf 1,28. Am Tag des russischen Einmarsches in die Ukraine belief sich der Wert auf 0,67. Per 13.05.2022 steht der Put/Call Ratio bei 0,66, nachdem der Wert am 12.05.2022 noch bei 0,81 stand. Folglich sehen wir auch hier noch keine „extreme Angst“.  

Anzahl der Aktien über dem 50- und dem 200-Tagedurchschnitt


Ein weiterer Indikator, den man sich anschauen kann, ist die prozentuale Anzahl von Aktien über ihrem 50- und über ihrem 200 Tagedurchschnitt an der NYSE, Nasdaq und AMEX. Je mehr Aktien sich über diesen gleitenden Durchschnitten befinden, desto bullischer der Markt. Aktuell befinden sich nur 14% aller gehandelten Aktien über ihrem 50 Tagedurchschnitt. Beim 200 Tagedurchschnitt sind es aktuell nur 17,5%. Dies sind beides extreme niedrige Werte und erinnern an die Corona-Tiefs Mitte März 2020. Folglich sehen wir hier einen stark überverkauften Zustand („extreme Angst“).

IBD Bull vs Bear Indikator


Der IBD Bull vs Bear Indikator, der einmal pro Woche erhoben wird, spiegelt eine Umfrage unter Newsletter-Autoren wider und wird von Investors Intelligence veröffentlicht. Wenn der Prozentsatz der Bären den der Bullen überschreitet, ist ein Markttief wahrscheinlicher. Wie in der folgenden Abbildung gut zu erkennen ist, lag der Wert der Bären im Corona-Tief im März 2020 deutlich oberhalb des Wertes der Bullen. In den letzten Wochen hatten mal die Bullen und mal die Bären die Oberhand. Per 13.05.2022 gibt es 27,60% Bullen und 40,80% Bären (im Corona-Tief belief sich der Wert für die Bären auf 41,7%). Folglich ist ein (kurzfristiges) Markttief wahrscheinlich.

Quelle: www.research.investors.com

AAII-Indikator


Die Abkürzung AAII steht für „American Association of Individual Investors“. Der AAII-Indikator bzw. die AAII-Umfrage befragt Privatanleger, wohin sich der Markt in den nächsten sechs Monaten bewegt. Historisch gesehen liegt der Wert für bullisch bei 38%, für neutral bei 31,5% und für bärisch bei 30,5%. Die Werte der vergangenen Woche belaufen auf 24,3% (bullisch), 26,6% (neutral) und 49% (bärisch).

Quelle: https://www.aaii.com/sentimentsurvey

 

Die Ergebnisse der jüngsten AAII-Stimmungsumfrage zeigen, dass sich die Stimmung vom 18-Monats-Tief der vorletzten Woche erholt hat. Aber der Optimismus („bullish“) ist weiterhin ungewöhnlich niedrig und der Pessimismus („bearish“) weiterhin ungewöhnlich hoch. So ging die optimistische Stimmung (also die Erwartungen, dass die Aktienkurse in den nächsten sechs Monaten steigen werden) zwischen der Umfrage vom 04.05.2022 und der Umfrage vom 11.05.2022 um 2,5 Prozentpunkte auf 24,3 % zurück. Der Optimismus bleibt für die 25ste Woche in Folge unter seinem historischen Durchschnitt von 38,0 %. Folglich sehen wir viel Pessimismus im Markt.

Circuit Breaker


Ein sogenannter „Circuit Breaker” („Stromkreisunterbrechung“) ist ein weiterer psychologischer Indikator. Hierbei handelt es sich um eine automatische Börsenunterbrechung von üblicherweise 15 min aufgrund eines heftigen Abwärtsverkaufs oder einer massiven Rally. Diese Unterbrechung dient dazu, die Gemüter der Börsianer zu beruhigen. Die US-Vorschriften sehen hier drei Sicherheitsstufen vor, die den Handel unterbrechen sollen: wenn der S&P 500 Index um 7 %, 13 % und 20 % fällt. Solche Circuit Breaker haben wir einige Male während der heftigen Abverkäufe im März 2020 gesehen. Aktuell hat es noch keinen Circuit Breaker gegeben. Dies ist ein Indiz dafür, dass es noch keine Übertreibung nach unten gegeben hat. Folglich scheint es noch „Übertreibungs-Luft“ nach unten geben.

NAAIM Exposure Index


Die Abkürzung NAAIM steht für „National Association of Active Investment Managers“. Der NAAIM Exposure Index stellt das durchschnittliche Engagement an den US-Aktienmärkten dar, das von den Managern gemeldet wird. Das primäre Ziel der meisten aktiven Manager ist es, das Risiko-Rendite-Verhältnis des Aktienmarktes zu steuern und jederzeit auf dem Laufenden zu bleiben, wie der Markt agiert. Dieser Index gibt also Einblick in die tatsächlichen Anpassungen, die aktive Risikomanager (in den letzten zwei Wochen) an Kundenkonten vorgenommen haben. Es ist wichtig anzumerken, dass der NAAIM-Exposure-Index nicht voraussagend ist. Er hilft also nicht dabei, zu bestimmen, wie sich der Aktienmarkt in Zukunft entwickeln wird. Die blaue Linie in der folgenden Abbildung zeigt einen zweiwöchigen gleitenden Durchschnitt der Antworten der NAAIM-Manager. Wir befinden uns an einem 52 Wochentief. Folglich sehen wir sehr wenig Exposure, was für ein hohes Maß an Angst unter den Investment Manager darstellt.

Quelle: https://www.naaim.org/programs/naaim-exposure-index/

Flow of funds


Unter „flow of funds“ versteht man das Netto aller Geldzuflüsse und -abflüsse in und aus verschiedenen finanziellen Vermögenswerten. Dies wird üblicherweise monatlich oder vierteljährlich gemessen. Wichtig ist, dass die Wertentwicklung eines Vermögenswerts oder Fonds hierbei keine Rolle spielt. Nettozuflüsse in Fonds, ETFs. etc. schaffen überschüssige Barmittel, die Geld-Manager investieren können. Dies sollte die Nachfrage nach Wertpapieren wie Aktien und Anleihen fördern. Wenn Anleger dagegen einen Abschwung erwarten, werden sie ihr Investitionskapital abziehen. Für das erste Quartal 2022 konnten sich Hedgefonds der größten Zuflüsse seit 7 Jahren erfreuen. Die 4. Billionen Hedge Fund Community verzeichnete in den ersten drei Monaten des Jahres 2022 Kapitalzuflüsse von 20 Milliarden USD. Dies ist der höchste vierteljährliche Zufluss seit dem zweiten Quartal 2015. Dazu kommt, dass der ARK-Innovation ETF (ARKK) am 05.05.2022 den größten Geldzufluss seit einem Jahr verzeichnete. Folglich sehen wir, dass Anleger optimistisch sind und weit davon entfernt sind, das Handtuch zu werfen.

Kapitulations-Gap


Den letzten Indikator, den ich vorstellen möchte, ist das Kapitalutions-Gap. So ein Gap nach unten tritt auf, wenn ein beträchtlicher Anteil der Anleger in einem Abwärtstrend der Angst erliegt und innerhalb kurzer Zeit Wertpapiere verkauft. Dies führt dazu, dass der Preis des Wertpapiers oder eines gesamten Marktes/Indexes unter hohem Handelsvolumen stark fällt. Die Kapitulation markiert normalerweise ein kurzfristiges Tief des Kurses und sollte von einer Erholungsrallye gefolgt werden. Weder die Nasdaq noch der S&P500 haben in der aktuellen Abverkaufsphase so ein Kapitulations-Gap gehabt. Dies könnte bedeuten, dass sich die (letzten) schwachen Hände noch im Markt befinden. Im Unterschied zur Börse hat es beim Bitcoin so ein Kapitulations-Gap letzte Woche bereits gegeben (siehe Abbildung).

Quelle: www.traderfox.com

Fazit


Die meisten hier vorgestellten psychologischen Indikatoren zeigen auf, dass die Märkte sich in einem Angstzustand befinden. Allerdings scheint es, dass wir uns noch nicht nahe einer endgültigen Kapitulation befinden. Insbesondere der Flow of Funds Indikator und das Kapitulations-Gap zeigen, dass Anleger noch weit davon entfernt sind, das Handtuch zu werfen.


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